Laudatio
Heinrich Kreuchauf 88447 Warthausen, Berggrubenweg 22
Zum Ausgangspunkt habe ich einige Aussagen des Künstlers in einem Interview gewählt und versucht, daraus eine Art Grundkonzept seiner Auffassung und seiner Arbeitsweise
herauszuarbeiten. Wie die allermeisten seiner Branchenkollegen meint auch Khavar: „Künstler beobachten von morgens bis abends“. Nun darf man der genauen Beobachtung und daraus folgend der exakten Beschreibung mit dem Ziel der klaren Mitteilung im Leben der Menschen überhaupt einen bedeutenden Stellenwert beimessen, die Kunst aller Bereiche bleibt aber bei der bloßen genauen Wiedergabe des Beobachteten in der Regel nicht stehen, wenngleich sie ohne diese nicht auskommt! Kunst ist somit gewiss nicht das Suchen nach Künstlichem & damit Gekünsteltem, sonder eher das Auffinden von Kunstvollem. (Man beachte den Unterschied der
Wortbedeutung bei gleichem Wortstamm). Nun ist eine große Lehrmeisterin in kunstvoller Gestaltung, ohne das wir das zu jeder Zeit wahrnehmen,
Wir dürfen einige der hier zu betrachtenden Bilder durchaus in diesem Sinne verstehen: In der Art einer Morphogenese entwickeln sich aus einer zunächst nur erfühlten Grundbefindlichkeit (Hintergrund) die Formen und Gestalten der Punkte, Linien und Fläche als Gestaltfindung und somit Bewusstwerdung dessen, was anfänglich noch diffus im entropischen Urzustand befangen lag.
Gleichzeitig aber ist deutlich zu sehen, wie der Vorgang des Bewusstwerdens sozusagen nicht ohne Haken und Ösen, nicht ohne Schrammen und Schmisse verläuft: wir sehen nicht parallele Linien, wir sehen uns nicht regelmäßigen sondern deformierten Feldlinien gegenüber, wir finden nicht die aufgrund unserer Gewohnheit erwartete Symmetrie.
Stattdessen finden wir Brechung und Verzerrung. Damit können wir zusammenfassend den Bogen zum Anfang schlagen und feststellen, dass gerade diese Brechung ein Hauptmerkmal des zu betrachtenden künstlerischen Werkes darstellt. Denn Brechung bedeutet Verschiebung, Verformung, Verzerrung, und der Geist des Betrachters ist nun gefordert, diese „durchsichtige netzartige Wand“, die über die Bilder gelegt ist, in seiner Phantasie zurückzunehmen.
So läuft das Licht - und hiermit wollen wir den Kreis vollenden – zum Kunstwerk, wird dort reflektiert, gebrochen, dringt sodann ins Auge des Betrachters und damit in dessen Bewusstsein; und entgegen dem Rilkeschen Gedicht soll es dort nicht aufhören zu sein, sondern es soll - physikalisch
gesprochen - dort einen Zustand der Angeregtheit zurücklassen.......
Betrachten Sie bspw:
• die Farbkombination in einer Blumenwiese oder die Farbabstufung eines Herbstwaldes,
• den Bau einer Honigwabe oder eines Termitenhügels,
• die Gravitationslinien deformierter Jahresringe in einer Baumscheibe,
• den formschönen Trichter eines Hurrikans aus großer Höhe,
• das farbige Leuchten eines kosmischen Nebels oder gar
• die spiralartige Anordnung von Milliarden von Sternen in einer Sterneninsel (Kant), die träge in den Tiefen des Kosmos schwimmt und rotiert.
Bereits in diesen wenigen einfachen Beispielen aus dem Bereich unserer täglichen Erfahrungswelt können wir die grundlegenden Prinzipien geordneter Gestaltung herauslesen:
Wir finden annähernd regelmäßige Linienführungen, Feldstrukturen, Wirbelbildungen, Strömungsverläufe und schließlich Turbulenzvorgänge.
Sie scheinen die Aufmerksamkeit des Malers Khosro Khavar besonders angezogen zu haben. Doch die angeführten Beispiele bergen auch einen zweiten Aspekt. Greifen wir den Wirbelsturm heraus, der im Wort selber schon beide Komponenten birgt: aus der Ferne erscheint er uns, wie erwähnt, als ein regelmäßig rotierender hyperbolischer Raum, sprich: Trichter; im Innern - das Auge ausgenommen - herrscht Chaos. Aber auch dieses birgt in seinem gleichförmigen Durcheinander eine Art Regelmäßigkeit. An dieser Stelle kehren wir zu unserem Künstler zurück: Dieses Chaos mit seiner höheren bzw. tieferen Ordnung stellt einen weiteren Attraktor - so der Begriff der Chaosforscher - seines Schaffens dar: „Das Chaos
faszinierte mich stets!“
Schlagen wir eine weitere Brücke: Wir haben den Gedanken geäußert, daß die Natur Ungenauigkeiten und Unregelmäßigkeiten zulässt, sogar fordert: Wenn die Erde in einem Jahr die Sonne umkreist hat, steht sie nicht mehr genau an derselben Stelle. (Man spricht in diesem Fall zwar von einem stabilen Zyklus, aber vergessen wir die Abweichungen nicht). Wenn nun unser Künstler äußert: „Die Malerei verändert mein Leben“, so darf diese Aussage ohne Überinterpretation in diesem Sinne gedeutet werden: Nach jedem Bild, das ich gemalt habe, bin ich ein anderer, bin nicht mehr derselbe, der ich war, meine Malerei bewegt mich - innerlich wie äußerlich!
Ich hebe die Beziehung zwischen den eher theoretischen Gedanken vorher und unseren Maler Khosro Khavar noch einmal gesondert hervor:
Zur Nichtlinearität, zum Chaos und somit auch zum Leben gehört unabdingbar Bewegung
Und durch diese malende Bewegung ist unserem Künstler die Möglichkeit an die Hand gegeben (im wörtlichen Sinne) die „Determiniertheit von meinen Eltern und meiner Umwelt“ zu durchbrechen, zu überschreiten - was wir oben zu erklären versucht haben.
Wir haben bisher eine gewisse Nähe zur Natur bei unserem Maler hergestellt, und ich betone: Nähe zur Natur bedeutet alles andere als eine naturalistische Wiedergabe der Natur: Vielmehr sprechen wir von einer inneren Geneigtheit, einer Über- ein- gestimmtheit, einer Schwingungsverstärkung. Diese Affinität zeigt sich beim Künstler auch darin, daß er tagsüber arbeitet, dann also, wenn ihm die Natur das zur Verfügung stellt, was er für seine Arbeit benötigt und wodurch seine Arbeit auch lebt: Licht.
Licht, das für ihn - Khosro Khavar - „alles“ ist. Würde man einwenden, die Farbtöne der früheren Bilder seien bei ihm doch eher dunkel gewählt, so muss man dagegenhalten: Gerade dann kommt dem Licht die größere Bedeutung zu, als wenn Helligkeit im Übermaß vorhanden ist.
Man mag in dieser einstigen Phase eine Neigung zum Düsteren, zum Pessimistischen sehen, und dies soll nicht geleugnet werden. Aber gerade dann wird das Licht über seine bloße Beleuchtungsfunktion hinausgehoben und erhält Zielcharakter, eine Hoffnungsdimension. Allerdings geht diese Zeit der eher düsteren Farbgebung allmählich doch über in aufgehellte Töne, vielleicht auch deshalb, weil Gedämpftheit in der Farbe oft zu einseitig mit Unbehagen besetzt und damit missverständlich wird. So entsteht nach und nach ein Wechsel der Perspektive, andere Facetten, andere Dimensionen der vorzustellenden Themen werden aufgezeigt, wenngleich sich die Grundanschauung nicht erdrutschartig wandelt, sehen wir einmal von altersbedingten Entwicklungsstufen ab. Man könnte diesen
Wechsel vom Dunkeln zum Hellen vergleichen mit einem photographischen Film, bei dem man die Negative betrachtet - ein gänzlich anderer Eindruck entsteht (Schweizerkäse).
Aus diesem Grund sehen wir in dieser Ausstellung lichtere Exponate, nicht selten mit einer Vorliebe fürs Blaue und Türkise. Ich interpretiere: Die Dimension der Hoffnung hat breiteren Raum gewonnen.
Diese Sichtweise trägt durchaus philosophische Züge, und Philosophie war und ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der Natur, eine Auseinandersetzung damit, woher wir kommen, wohin wir gehen, woher und wohin unser Licht scheint.
Mit der Suche nach unserem Standpunkt in der Welt aber betreten auch die anderen Menschen die Bühne und mit ihnen das, was wir Gesellschaft, Zivilisation, Staat usf. nennen.
Jetzt kann die Kunst sich in die Lage versetzt sehen, sich mit den Spannungen auseinanderzusetzen, die entstehen können, wenn durch den Einzelnen ein seismischer Riss klafft zwischen seiner Bedingtheit durch die Natur und seiner Befangenheit in einer menschlichen Gesellschaft.
Seismisch möchte ich diesen Riss deshalb nennen, weil der Mensch durch diese Diskrepanz erschüttert werden und sogar ins Wanken geraten kann (wir erinnern uns an die oben angesprochenen instabilen Zyklen).
So nennt Khosro Khavar seine Bilder „Dokumentationen des historisch belegten Missbrauchs aller erdenklichen Institutionen“.
Persönlicher ausgedrückt bedeutet dies: seine Werke sind auch Darstellungen der „Verletzungen meiner Seele“, und diese können nur durch eine Gesellschaft geschlagen werden. Welches Bedürfnis, vielleicht auch welche Sehnsucht entspringt nun dem, was wir als seismischen Seelenriss bezeichnet haben?
Mit Sicherheit kann man diesen Riss nicht zuschütten, geschweige denn kitten oder verkleistern. Aber man kann ihn mit Stegen und Brücken überwinden, vielleicht kann man ihn ja sogar schmälern, d. bedeutet: die beiden Gebiete dies- und jenseits des Risses müssen zueinander in eine produktive aber auch aufs Positive hinorientierte Beziehung gesetzt werden. Daher sind, „Liebe, Humanität, Zufriedenheit und Friede“ stets lohnende Ziele, die zu erreichen der Menschheit mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vergönnt sein wird, aber deren Annäherung zu allen Zeiten erstrebenswert bleibt.
Insofern haben wir Zielsetzungen über die Zeit hinaus angesprochen und gerade so dürfen wir auch Khosro Khavar verstehen, wenn er anstrebt, ein „zeitloser Maler“ zu werden.
Das erfordert den schwierigen Vorgang, das Zeitliche aufzunehmen, es durch persönliche Betrachtung vom Allzuzeitlichen zu reinigen und auf eine allgemein-menschliche Ebene auf - zu - heben im dreifachen Hegelschen Sinn des Aufnehmens, des Bewahrens und des Erhebens (Goethe). Somit finden wir unseren Künstler ein weiteres Mal beim Vorgang des Überschreitens; und Überschreiten heißt eben überdies: „sich weniger auf das Physikalisch-Materielle, mehr aber auf das Geistig-Gedankliche“ zu beziehen.
Dieser Weg führt zwangsläufig über das Bewusstsein, die Reflexion, aber er bedeutet trotz einer gewissen intellektuellen Gezügeltheit auch immer, seinem Empfinden Freiheitsgrade einzuräumen und es nach dem Grundsatz der Selbstorganisation neue Pfade entdecken und beschreiten zu lassen.
Wir finden vor: Eine Außenwelt (Freud), ein sich seiner Wahrnehmung und seiner selbst bewusstes Subjekt, d.i. der Mensch, der Künstler, und die Reize und Empfindungen, die die Wahrnehmung dieser Außenwelt im Individuum auslöst.
Das sind die drei Komponenten, die sich zu einem Beziehungsgefüge, zu einer dynamischen Struktur zusammenfügen. Und zur ersten Komponente - zur Außenwelt - gehört auch die Prägung eines Menschen durch seine heimatliche Kultur. In unserem Falle dürfen wir unseren Künstler dahingehend verstehen, wenn er sagt, Elemente der persischen Kultur seien von ihm aufgenommen worden. Greifen wir doch einmal die vorhin erwähnte Asymmetrie heraus und setzen sie als eine ästhetische Grundhaltung. Dann müssen wir Mitteleuropäer, deren Weltbild unter anderem von der euklidschen Geometrie geprägt ist, zugeben, daß das „ungerade“ Element, die Nichtlinearität bei uns bis in die neueste Zeit hinein ein Schattendasein führte. Erst die schon erwähnte Chaosforschung hat sich mit diesem Phänomen ausgiebig beschäftigt.
Wir Mitteleuropäer müssen also zugestehen, daß gerade die nah- und fernöstlichen Kulturkreise diese Asymmetrie in ihr Leben und ihre Kunst als festen Bestandteil mit eingezogen haben (der Grundriss der Hagia Sophia mag neben vielen Arabeskendarsellungen ebenso als Beleg hierfür angesehen werden, wie die Melismatik der Melodieführung in orientalischer Musik).
So können wir die oben erwähnte Äußerung unseres Malers ebenfalls als Kennzeichnung seiner Kunst werten. Wenn wir diesen Gedanken des deterministischen Chaos ein wenig weiterverfolgen, stoßen wir bald zu einem nächsten Grundsatz Khosro Khavar‚s vor.
Wir haben festgestellt, daß wir in der Natur zunächst einmal alles Material vorfinden (vorfinden), das wir zur Gestaltung benötigen und daß unser Geist, der ja nach den gleichen Gesetzen gebaut ist wie eben diese Natur - daß unser Geist durch diese Entsprechung dazu befähigt ist zu erkennen, nach welchen Grundprinzipien die Natur und damit er selbst gestaltet ist, mithin sich selbst zu erkennen.
Aber trotz aller Gesetzmäßigkeiten, sind diese eben nur Annäherungen, d.h. die Natur lässt sich ein Hintertürchen offen, um diese Gesetze und deren Symmetrie auch manchmal durchbrechen zu können. Hieraus wiederum resultiert die Möglichkeit zur Variation und damit der Vielfalt in der Welt der Erscheinungen. Mit anderen Worten: Die Natur vermeidet strenge Regelmäßigkeit, denn absolute Gleichförmigkeit bedeutet Tod, die vollkommene Bewegungslosigkeit heißt Erreichen des absoluten Nullpunktes und somit Lebensunmöglichkeit (man erinnere sich an Heraklits „Panta rhei). Nun ist es gerade diese Symmetriebrechung, die die Aufmerksamkeit der Philosophen, der Wissenschaftler, der Künstler aller Gattungen und eben auch des hier zu betrachtenden Malers auf sich gelenkt hat. Und hiermit springen wir wieder mitten in
diese Ausstellung hinein.
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